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Kunstprojekt Unart: DER LILIENKELCH

DER LILIENKELCH

Eine Geschichte von Daniel – Gelesen bei UNART.

Der Vollmond tauchte die Lichtung in sein geisterhaftes Licht. Er beschien die Baumwipfel des Mischwaldes, und spiegelte sich auf der Oberfläche des kleinen Teiches, welches am Schotterweg grenzte.

Das Licht des Vollmondes beleuchtete auch den Weg für die beiden Jungen, die in Eile durch den Wald hetzten. In normalen Nächten, wären sie gemütlich den Schotterweg entlang geschlendert, der durch den Park führte. Aber dies war keine normale Nacht, denn jemand verfolgte sie.

Tobias keuchte vor Erschöpfung, als er sich gegen den Stamm einer uralten Eiche lehnte. Er hielt sich die Seiten, das Stechen war unerträglich. Man sah ihm nicht an, dass er schon 16 Jahre alt war. Was man ihm aber ansah, war, dass er noch nie eine Turnhalle von Innen gesehen hatte. Er war zwar nicht wirklich dick, aber einfach total außer Form. Und zu später Stunde um sein Leben zu laufen, gehörte auch nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Mit seinen pechschwarzen Haaren, und den leicht asiatischen Gesichtszügen, war er der Mädchenschwarm an seiner Schule. Aber jetzt hätte ihn keine attraktiv gefunden. Er war schweißgebadet, und seine Haare waren durch die Flucht zerzaust worden.

„Was machst du denn? Wir müssen weiter“. zischte Jonas.
Tobias Freund war gerade einmal 14 Jahre alt. Er hatte hellblonde Haare, die sehr kurz waren. Mit seinen Sommersprossen und hellblauen Augen, sah auch er nicht gerade unattraktiv aus. Aber die Mädchen gingen ihm aus dem Weg, weil er so friedfertig und sanftmütig war. Das scherte ihn jedoch nicht im Geringsten. Und gerade jetzt, war sein fehlendes Liebesleben, sein geringstes Problem.
Jonas setzte sich neben Tobias. Er zeigte keine Spur von Anstrengung. Man könnte glatt meinen, er käme von einem gemütlichen Nachtspatziergang. Der Grund dafür, baumelte an einer Kette um seinen Hals. Eine gläserne Kugel, die so aussah wie der Vollmond, und nicht einmal so groß war, wie ein Hühnerei. Das Mondamulett.
„So etwas, hätte ich jetzt auch gerne.“ murrte Tobias.
Jonas Gesicht verdüsterte sich. „Pass auf was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen.“ rezitierte er einen Spruch, den Merlin selbst, einstmals ausgesprochen haben soll.
„Was ist eigentlich los mit dir?“ wollte Jonas wissen. „Als ich dich fragte, ob du eine Flucht durch den Wald durchhalten würdest, bejahtest du es. Wir können es uns nicht leisten, geschnappt zu werden.“
Tobias stand auf. „Mir geht es hervorragend, ich bin nicht mehr erschöpft.“ sagte er.
Sein Anblick, strafte seine Worte Lügen, aber Jonas ersparte sich jeden Kommentar. Stattdessen stand auch er auf, um sich umzusehen. Ihre Verfolger waren sicherlich in der Nähe.
Er irrte sich nicht. Fluchend setzte er sich wieder hin, und zog auch Tobias mit sich zu Boden.
„Da sind sie.“ meinte der Jüngere.
Tobias glaubte ihm aufs Wort. Das Mondamulett erlaubte seinem Träger, in finsterster Nacht besser zu sehen, als tagsüber.
„Wie viele sind es?“ wollte der ältere Junge wissen.
?Ich habe Andrea und Kevin gesehen. In ihrer Begleitung waren noch drei andere. Zwei Jungs, die bei mir um die Ecke wohnen, ich glaube, es sind Türken oder Libanesen. Und ein blondes Mädchen, das ich noch nie gesehen habe.? kam die Antwort von Jonas.
Andrea, eine kleinwüchsige Italienerin, die sich die Haare blond färbte; und Kai, ein stämmiger, aggressiver Junge; waren erst kürzlich volljährig geworden. Sie waren bekannt dafür, dass sie sich mit jüngeren Lakaien umgaben. Ihre Begleiter konnten höchstens so alt wie Tobias sein. Außerdem waren sie der Schrecken des Schulhofes.
Es war noch nicht allzu lange her, dass ein Junge sich weigerte, Schutzgeld an sie zu bezahlen. Als seine Kaninchen tot vor seiner Haustür lagen, änderte er seinen Entschluss. Selbige hatten sich bestimmt nicht selbst ertränkt. Ein weiterer Junge weigerte sich, Drogen aus der Arztpraxis seines Vaters zu stehlen. Seitdem jedoch der Gartenschuppen, mitsamt seiner kleinen Schwester, abbrannte, war er ihr Hauptlieferant.
„Haben sie irgendwelche Waffen bei sich?“ erkundigte sich Tobias.
„Ich schaue noch mal nach.“ erwiderte Jonas.
Er stand auf, und spähte vorsichtig nach ihren Verfolgern. Er entdeckte sie sogleich erneut, und sah auch das, was sie als Bewaffnung trugen. Jonas sank sofort wieder zu Boden. Tobias konnte nur sehr wenig sehen, dennoch war er sich sicher, dass sein Freund mit einem Mal, kreidebleich geworden war.
„Also?“ erkundigte er sich erneut.
„Die beiden Jungen haben Gewehre dabei, Andrea hat einen Totschläger, das andere Mädchen befindet sich im Besitz von zwei Gartenäxten, und Kevin hat ein langes Buschmesser dabei!“ antwortete Jonas stockend.
„Wir sind auch nicht völlig unbewaffnet.“ entgegnete Tobias entschlossen, und zog eine Pistole aus seiner Jackentasche.
Jonas Augen wurden groß. „Wo hast du die denn her?“ wollte er wissen.
„Mein Opa war ein Landsknecht im zweiten Weltkrieg!“ antwortete Tobias „Seitdem geht er nie ohne Waffe aus dem Haus. Ich habe sie mir nur von ihm ausgeliehen, aber auf die klassische Weise.“
„Auf die klassische Weise?“ hakte der Jüngere nach.
„Ohne dass er davon weiß!“ kam prompt die Antwort.
„Hör zu.“ Jonas flüsterte jetzt „Wir sind uns doch darüber im Klaren, dass keiner von ihnen,“ damit wies er auf die fünf Jungendlichen, die die beiden Jungen noch nicht bemerkt hatten, „den Lilienkelch bekommen darf.“
Bei diesen Worten zog er einen schmalen, silbernen Kelch hervor. Dieser war nicht größer als ein gewöhnlicher Kirchenkelch, hatte jedoch die Form einer geöffneten Lilienblüte. Außerdem war er sehr leicht, und aus einem Metall gefertigt, welches außerhalb des Feenreiches wohl unbekannt war. Man sah dem Lilienkelch nicht an, dass er über gewaltige magische Kräfte verfügte. Auf dem Flohmarkt, hätte ihm kaum einer einen zweiten Blick geschenkt.
Der Kelch war vor schon längerer Zeit gestohlen worden. Tobias und Jonas, hatten sich bereit erklärt, ihn zu suchen. Das war nicht weiter schwer für sie. Sie mussten lediglich in ihrer Umgebung danach suchen. Keine Elfe konnte das Feenreich noch verlassen, ohne unter den Menschen aufzufallen. Aber was war unauffälliger, als zwei Menschen, die in ihrer Welt lebten. Und dann auch noch dort, wo die Elfenzauberer den Kelch vermuteten.
Besonders Tobias war darum bemüht, den Kelch zu finden, seitdem er und eine der Dunkelelfenprinzessinen, ein Liebespaar waren. Dass sie über 90 Jahre alt war, störte ihn nicht im Geringsten. Denn Dunkelelfen alterten sechsmal langsamer als Menschen, sodass seine Liebste so aussah, als wäre sie erst 15 Jahre alt geworden.
„Aleahta.“ murmelte Tobias, und sein Blick verklärte sich „Leah.“
Sein Freund stieß ihn mit dem Ellbogen an. „Hey, nicht träumen.“
Jonas überlegte. „Findest du den Weg zum Portal auch alleine?“ fragte er seinen Freund.
Dieser nickte.
„Gut, dann lauf schon mal los.“ schlug der Jüngere vor.
„Diesen Quatsch kannst du dir sparen, oder spielst du plötzlich Rambo?“ begehrte der Verliebte auf.
„Ich lenke sie lediglich ab.“ meine Jonas „Und dank dem Mondamulett, können sie mich auch unmöglich kriegen. Ich bin jetzt viel schneller und stärker als sie.“
„Aber sie haben Gewehre. Und sie sind immer noch zu fünft.“ argumentierte Tobias.
„Ich kann jetzt in völliger Finsternis sehen. Und sie sind praktisch blind.“ fügte Jonas hinzu. Mit diesen Worten reichte er Tobias den Lilienkelch.
Tobias schien mit sich um eine Entscheidung zu ringen. „Also gut“ willigte er ein, „aber nimm Vorsichtshalber die hier.“ Damit reichte er Jonas die Pistole. „Viel Glück, und eines noch: Das Portal verschwindet im Morgengrauen. Falls du es nicht schaffen solltest, bis dahin das Portal zu erreichen, musst du zusehen, dass du das Mondamulett nicht mehr trägst.“
„Viel Glück,“ wünschte auch Jonas seinem Freund „und pass auf, dass du nicht dem schlafenden Drachen über den Weg läufst.“
Die beiden Freunde, schüttelten einander die Hand, und dann schlich sich Tobias davon.
Jonas atmete noch einmal tief durch. Dann stand er auf, und rief laut: „Sucht ihr vielleicht mich?„
Alle Fünf sahen in die Richtung, aus der sie die Stimme hörten, und erkannten ganz eindeutig Jonas, dessen Silhouette, im Mondlicht deutlich erkennbar war. Doch nur für einen Moment, dann schob sich ein Wolke vor dem Mond, und verdunkelte die Lichtung wieder.
„Du da, gib ihn wieder her.“ rief Kevin.
„Wen denn?“ fragte Jonas scheinheilig „Deinen Verstand? Ich sagte dir doch, dass kleine Dinge schnell verloren gehen, und schwer wiederzufinden sind.“
Kevin fluchte. Er zog das Messer hervor, und wollte schon auf Jonas zustürmen, doch Andrea hielt ihn zurück.
„Komm schon her, und gib uns den Kelch wieder. Sonst holen wir ihn uns, und dann war es dein letzter Tag.“ drohte sie.
Jonas tat so, als habe er sie nicht gehört. Er sah zu dem blonden Mädchen, und sagte anklagend: „Du bist eine Diebin! Du hast im Baumarkt zwei Äxte geklaut. Und du hast sogar noch einen Gartenzwerg gemopst.“ damit wies er auf die etwas kleinwüchsige Andrea.
Jetzt war sie es, die von Kevin zurückgehalten werden musste.
„Und ihr beiden,“ er schaute zu den beiden türkischen Jungen „was habt ihr davon, wenn ihr die Lakaien spielt? Kevin zieht euch sicher für spezielle Aufgaben heran, er hat es nicht so mit den Mädchen. Aber das scheint euch ja nicht zu stören. Nun ja, bei einem Blick in Andreas Gesicht, seid ihr sicher sofort erblindet.“ fuhr Jonas fort.
Jetzt hatte er den Bogen eindeutig überspannt. Andrea stieß den Jungen neben sich, zur Seite, und entriss ihm das Gewehr. Sie legte auf Jonas an, und schoss.
Dieser hatte sich Rechtzeitig hinter dem Baumstamm versteckt. Jetzt robbte er über den Waldboden. Plötzlich war die Wolke vorüber gezogen, und der Junge war wieder für alle sichtbar. Kaum hatte Jonas das bemerkt, stand er auf, und sprang hinter dem nächsten Baum.
Er drehte sich zu seinem alten Versteck um, und sah, dass in der Baumrinde, Kais Buschmesser und eine Gartenaxt steckten. Kai eilte zu dem Baum, und wollte seine Waffe wieder an sich bringen. Andrea lud ihr Gewehr nach, und wollte erneut schießen, doch daraus wurde nichts.
Jonas sah, dass Kevin als Einziger von den anderen Vier getrennt war. Dann zog er Tobias Pistole hervor, legte auf Andrea und ihre drei Begleiter an, die sich bis jetzt noch nicht von der Stelle gerührt hatten, und schoss.
Die Kugeln pfiffen in die Rinde einiger Bäume. Jonas hatte absichtlich zu hoch gezielt. Aber der Effekt war der Gleiche. Andrea und ihre Lakaien warfen sich zu Boden.
Kevin hatte inzwischen sein Buschmesser aus der Baumrinde gezogen. Jonas schoss auch ein paar Kugeln in seine Richtung, was den Fiesling dazu veranlasste, sich auch zu Boden zu werfen.
Dann tat Jonas das, was er schon die ganze Zeit über, vorgehabt hatte. Er rannte davon.

Tobias blieb stehen. Er hatte aus der Ferne Schüsse gehört. Für einen Moment erwog er, zurückzukehren, verwarf diesen Gedanken aber wieder. Wenn Jonas nicht davonkam, trotz seiner – durch das Mondamulett gesteigerten – Kräfte, würde auch er nicht viel ausrichten können. Im Gegenteil sogar, Tobias würde Jonas nur aufhalten, weil er mit seinem Tempo nicht würde mithalten können.
Tobias war nun an seinem Zielort angekommen. Doch von dem Portal ins Elfenreich war nichts zu sehen. Natürlich nicht, denn es war ja unsichtbar. Tobias stand vor einer schmalen, kleinen Senke. Er holte ein dünnes, kleines Fläschchen aus seiner Tasche. darin befand sich ein weißes Pulver, welches er in die Senke streute.
Plötzlich wurde das Elfenportal sichtbar. Vor dem Jungen stand nun eine weiße Kugel, die so aussah, wie ein Golfball. Allerdings war sie sehr viel größer. Sie maß etwa zwei Meter im Durchmesser, und war Normalerweise völlig unsichtbar. Pech für den, der sie unwissentlich betrat, denn der Ausgang lag in einer Drachenhöhle.
Tobias sah noch einmal hinter sich. Er hoffte, Jonas zu sehen. Seine Hoffnung blieb unerfüllt. Er zuckte noch einmal mit den Schultern, und betrat die Kugel.
Diese verschluckte ihn, denn plötzlich war er verschwunden. Nur wenige Augenblicke später, verschwand auch die weiße Kugel.

„Verfluchter Bastard.“ knurrte Andrea. Sie stand langsam wieder auf. Ihre drei Lakaien waren bereits auf den Beinen.
„Wir verfolgen diesen elenden Hund.“ beschloss sie.
„Und was wird aus Kevin?“ wollte das Mädchen wissen „Ich habe gesehen, wie ihn eine Kugel erwischt hat.“
„Dann ist er jetzt tot!“ sagte Andrea „Ein Grund mehr, diesen schrägen Vogel zu verfolgen.“
Andrea wusste, dass ihr bester Freund möglicherweise nur verletzt war, und Hilfe brauchte, aber lieber ließ sie ihn hier verbluten, als dass sie die Verfolgung von Jonas aufgab.
Das Mädchen wollte noch etwas sagen, doch Andrea hob ihren Totschläger, das Gewehr hatte sie dem Jungen zurück gegeben. Dann fragte sie lauernd: „Möchtest du, dass wir ohne dich weitersuchen?„
Das Mädchen verstummte, und senkte schnell den Blick.
„Na also, geht doch.“ murmelte Andrea.
Dann rannten die vier Jugendlichen, Jonas hinterher.

Kevin rappelte sich auf. Er blutete an der Wange. Dort hatte ihn ein Querschläger getroffen. Die anderen Kugeln waren in den Baumstamm eingedrungen, und aus den Einschusslöchern quoll nun feuchtes Sägemehl, durchtränkt mit Baumharz.
Der Junge stecke das Messer wieder in seinen Gürtel, und wollte sich wieder auf die Suche nach Jonas machen. Und während Kevins Phantasien davon übersprudelten, was er Jonas anzutun gedachte, entdeckte er im fahlen Mondlicht die zweite Fußspur auf dem Waldboden.
Kevin war nicht völlig verblödet. Wo eine zweite Spur zu sehen war, musste auch eine zweite Person gewesen sein. Er brauchte nicht viel Grips, um sich zu denken, dass Jonas möglicherweise nur ein Ablenkungsmanöver durchführte.
Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, Andrea und den anderen Bescheid zu sagen, denn die Macht des Lilienkelches würde ihnen gehören, wenn sie der zweiten Spur folgten. Davon war Kevin überzeugt. Doch er hielt es für eine bessere Idee, wenn diese Macht nur ihm gehören würde. Er überlegte einen Moment lang, dann verfolgte er die zweite Spur.

Inzwischen war sogar Jonas erschöpft. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, wie seine Verfolger diese Hetzjagd nur aushielten. Selbst seine Kräfte waren nun verbraucht.
Er hatte es ihnen auch wirklich zu einfach gemacht. Es ist fast unmöglich, sich völlig lautlos durch einen Wald zu bewegen. Noch dazu, wenn man gerade rennt. Und schon gar nicht, wenn es stockfinster ist, Mondamulett hin oder her. Das Quartett war lediglich den Geräuschen gefolgt, die er machte.
Jonas sah nun ein, dass eine weitere Flucht sinnlos wäre. Es würde bis zum Morgengrauen, welches nicht mehr fern war, weitergehen. Spätestens dann, würde er das Amulett abnehmen müssen. Dann würden seine Chancen, Lebend wegzukommen noch weiter sinken. Und auch, wenn er jetzt den Wald verließ, würden sie ihn kriegen, dann wäre auch ihre Sicht wieder besser, und er hätte keine Bäume mehr, die er als Deckung nutzen konnte.
Nun stand er vor einem kleinen, schmalen Bach. Auch hier standen keine Bäume als Deckung mehr, sodass man ihn im Mondlicht gut sehen konnte.
Er sprang mit einem Satz über den Bach. Jeder andere Mensch, würde durch den Bach waten müssen. Der Junge rannte weiter. Nun war er knapp 50 Meter von dem Bach entfernt.
Vor ihm stand ein großer Baum. Diesmal war es eine Fichte. Allerdings konnte er sich nicht dahinter verstecken, denn seine Verfolger würden gründlich nach ihm suchen. Doch ihm kam eine bessere Idee.

Andrea tobte. „Wo ist er? Wo ist er?“ schnauzte sie.
Sie packte einen der Jungen am Kragen, und zog ihn zu sich heran.
„Wenn ich herausfinde, dass du es warst, der ihn entkommen ließ . . .“ drohte sie.
Keiner von ihnen, ahnte auch nur, dass sie beobachtet wurden. Jonas saß lächelnd im Geäst der Fichte. Das war wirklich knapp gewesen. Hätte er auch nur eine halbe Minute länger gewartet, hätten sie ihn erwischt. Jetzt konnte er sich endlich entspannen. Er musste nur warten, bis sie wieder weg waren. Dann konnte er den Baum hinunterklettern, und würde vielleicht sogar noch das Feenreichportal erreichen. Jonas sah auf die Pistole, die er noch immer in seiner rechten Hand hielt. Er hätte sie benutzen müssen, wenn sein Plan nicht aufgegangen wäre. Als er aber sah, wie sich seine vier Gegner zum Gehen wandten, atmete er erleichtert auf. Er hatte diesmal wirklich Glück gehabt, und lehnte sich zurück.
Und schon in diesem Moment, verließ ihn das Glück wieder.
Der Ast hinter ihm knackte erst, dann brach er. Jonas griff mit seiner linken Hand nach einem weiteren Ast, und packte zu. Doch auch dieser Ast konnte sein Gewicht nicht halten. Jonas schrie erschrocken auf, als er abbrach.
Vier Köpfe drehten sich augenblicklich in seine Richtung.
Die vier Jugendlichen zogen ihre Waffen hervor, und rannten auf Jonas zu, der schreiend vom Baum stürzte, während seine Knarre bleierne Obszönitäten spuckte.
Die Kugeln wirbelten Dreck und Erde auf, und ließen einem der Gegner den Schädel platzen.
Der Aufprall war schmerzhaft. Jonas spürte, dass seine linke Schulter, mitsamt dem Arm, brach. Er sah noch, wie Andrea nach seinem Mondamulett griff, während ihr Totschläger auf seinen Kopf niederfuhr. Aber das war ihm, im Angesicht seines Exitus, auch vollkommen egal.

Andrea staunte über ihre neuen Kräfte. Für sie war es jetzt so hell, als wäre die Nacht zum Tag geworden. Sie hob einen Stock auf, der so dick war, wie der Oberschenkel eines Kleinkindes, und zerbrach ihn wie ein Streichholz.
Dann drehte sie sich zu ihren beiden übrigen Begleitern um. Einer der Jungen starrte entgeistert auf die Überreste, seines gefallenen Kameraden. Auch das Mädchen war total blaß geworden.
Seitdem Andrea das Mondamulett trug, kam ihr immer öfter der Gedanke, dass ihre beiden Freunde, für sie nur ein Klotz am Bein waren. Etwas in ihr, machte ihr Glauben, die beiden seien für alle Probleme und negativen Erlebnisse verantwortlich, die sie in ihrem Leben gehabt hatte. Sie umgriff den Totschläger, den sie in ihrer Hand hielt, noch fester. Sie wusste nun, was zu tun war. Sie hatte es schon so oft getan. Und noch vor weniger als einer Viertelstunde, hatte sie ihr erstes menschliches Opfer gefunden. Es sollte aber bei weitem nicht ihr Letztes sein.
„Hey, ihr beiden da, kommt doch mal her.“ sagte sie mit einer Stimme, die viel tiefer und Raubtierhafter klang, als ihre Eigene „Ich will euch mal etwas ganz Tolles zeigen.“

Tobias hetzte durch die Höhle. In der Drachenhöhle war es dunkel. Überall an den Wänden, befanden sich Feuernester. Diese spendeten der Umgebung ein diffuses Licht. Er achtete aber nicht sonderlich auf seine Umgebung. Denn seit wenigen Minuten, hatte er wieder einen Verfolger. Der Übergang war für ihn Merkwürdig gewesen. Er hatte ein Kribbeln gespürt, als würden Tausende Ameisen über seine Haut krabbeln.
Für Kevin war das Tor unsichtbar gewesen. Er war sehr überrascht, als er sich nicht mehr im Wald befand, sondern inmitten einer riesigen Höhle.
Die Überraschung hatte sich auch dann nicht gelegt, als er Tobias entdeckte. Aber jetzt hatte der Fiesling wieder ein Ziel, das er verfolgen konnte. Tobias war einfach zu erschöpft, um noch weiterlaufen zu können. Kevin sah, wie er sich einfach zu Boden fallen ließ. Anscheinend wollte er sich einfach nur ausruhen.
Tobias stand wieder auf, und kroch hinter einen Felsen. Kevin lächelte über die Wahl dieses schlechten Schlafplatzes. Er schlich jetzt langsam weiter. Er wollte kein unnötiges Geräusch machen, um Tobias nicht aufzuwecken. Der Tod sollte für ihn, schnell und überraschend kommen.
Kevin spähte um den Felsen herum. Er sah die Jacke von Tobias. Mehr konnte er nicht erkennen, aber das störte ihn auch nicht weiter. In dieser Höhle, war es halt sehr dunkel.
Kevin musste sich vorsehen, dass er nicht zu weit nach links ging. Er erkannte nämlich, dass dort ein Geröllabhang steil hinunterging. Er dachte sogar einen Moment lang darüber nach, ob er die Leiche von Tobias dort hinunterwerfen sollte, nachdem er ihn erledigt hatte. Ging er jedoch nach rechts, würde er nur vor einer schorfigen Felswand stehen, die mit ein paar kleineren Nischen durchzogen war.
Nun war Kevin ganz um den Felsen herumgeschlichen. Er zog sein Messer aus dem Gürtel, und hob es über den Kopf.
„Das mache ich mit Leuten, die mich beklauen.“ rief er laut.
Mit diesen Worten ließ er das Messer auf die Jacke herabsausen. Die Klinge durchdrang den Stoff, und prallte vom darunterliegenden Gestein ab. Während Kevin noch verwundert auf die Klinge starrte, die die Jacke von Tobias aufgespießt hatte, ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund: „Und das mache ich mit Leuten, die zu dämlich sind, um eine einfache Falle zu erkennen.“
Es war die Stimme von Tobias, und ebenjener stürmte nun aus einer der Nischen, und trat Kevin in die linke Seite.
Doch er hatte einen erfahrenen Kämpfer vor sich. Kevin sprang außer Reichweite von Tobias Angriffen, und stand auf. Er hatte immer noch sein Buschmesser in der Hand. Davon machte er jetzt reichlich Gebrauch. Kevin streifte Tobias Jacke von der Klinge, und ließ sie achtlos hinter sich fallen. Dann stieß er mit der Klinge nach Tobias, der ihm nicht mehr ausweichen konnte, und fügte ihm einen langen Schnitt in die Schulter zu.
Tobias biss die Zähne zusammen. Wenn er jetzt anfing, vor Schmerzen zu Schreien, würde er den Kampf mit Sicherheit verlieren. Aber das würde er ohnehin, denn Kevin war viel größer und schwerer, und damit auch stärker, als er. Jetzt half nur noch eine List.
Während Kevin sich erneut bereit machte, Tobias anzugreifen, sah er, wie sein Gegner plötzlich ganz blaß wurde.
„Der Lilienkelch!“ schrie er.
Kevin drehte sich blitzschnell um. Er sah, wie die Jacke von Tobias den Geröllabhang hinunterzurutschen drohte. Dann ließ der Junge sein langes Buschmesser fallen, um sich nach der Jacke zu bücken, und sie aufzuheben.
Er war einen Moment lang abgelenkt, und mehr brauchte Tobias auch nicht.
Tobias sprang vor, und trat in Kevins Gesicht. Zufrieden hörte der Junge, wie einige Zähne zersplitterten. Dann sprang er wieder zurück, um Kevins Angriff zu entgehen. Dieser wollte nach seinem Messer greifen, und stand wieder auf. Nun trat Tobias erneut zu, und traf in voll an der Brust. Der Tritt ließ Kevin nach hinten taumeln. Geradewegs auf die Geröllhalde zu.
Kevin fiel hinunter. Er überschlug sich mehrmals, während er die Halde immer weiter hinabrutschte.
Tobias hob Kevins Messer auf. Er sah den Besitzer nur undeutlich am Grund der Halde liegen.
„Du hast hier etwas vergessen!“ rief er, und warf das Buschmesser auf die liegende Gestalt. Tobias sah nicht, ob er traf, und es interessierte ihn auch nicht weiter. Was ihn aber interessierte, war, dass auch seine Jacke nun die Geröllhalde hinabrutschte.
„Zum Glück bin ich nicht halb so dämlich, wie der Depp es glaubte.“ murmelte Tobias.
Dann zog er den Lilienkelch aus der Nische, in der er sich versteckt hatte, und machte sich wieder auf den Weg.

Andrea rannte durch den Wald. Sie staunte selbst über ihre Schnelligkeit. Selbst so mancher Fahrradfahrer, hätte jetzt noch Mühe, sie wieder einzuholen. Ihre Jacke hatte sie ausgezogen. Diese war auch total blutverschmiert. Andrea überlegte, ob sie sie später zurückholen sollte. Wenn Jemand die vier Leichen fand, und die Bullen die Jacke mit ihr in Verbindung brachten, würde sie sich ziemlich schnell im Bau wiederfinden. Aber das war ihr Momentan völlig egal. Zu fasziniert war sie von dem Amulett, das sie trug. Nicht nur, dass sie nebenbei in völliger Finsternis sehen konnte, ihr war auch kein bisschen kalt. Wäre sie intelligenter gewesen, hätte sie sich gefragt, warum Jonas das Mondamulett nicht tagsüber getragen hatte. Auf dem Schulhof hätte ihn Niemand mehr hänseln können. Doch sie sollte den Grund dafür bald erfahren.
Andrea sprang gerade über einen umgestürzten Baumstamm, als es anfing. Sie steuerte auf das Portal zu. Sie wusste zwar nicht, warum sie in diese Richtung lief, aber das Amulett wollte dorthin.
Allmächlich wurde der Himmel im Osten immer heller. Andrea spürte ein leichtes Brennen auf der Haut. Dieses wurde immer stärker, je heller es wurde. Dann steigerte es sich zur Gluthitze. Ihre braune Haut färbte sich schnell krebsrot, und war plötzlich mit Blasen übersäht. Andrea schrie vor Schmerz, und drehte sich um.
Das hätte sie besser nicht getan, denn das Licht der aufgehenden Sonne, ließ ihre Augäpfel zerplatzen. Mit schwarzen, qualmenden, und leeren Augenhöhlen, taumelte sie schreiend weiter.
Dann ging die Sonne vollends auf, und erschien am östlichen Horizont. Der erste Sonnenstrahl der Andrea traf, fühlte sich so an, wie ein feuriges Schwert, und setzte ihren Körper in Brand.
Nun sah sie so aus, wie eine Feuersäule, und fiel zu Boden. Sie war nur noch wenige Meter vom Portal entfernt, und kroch darauf zu. Doch es verschwand im Morgenlicht, sodass Andrea nun den Sonnenstrahlen schutzlos ausgeliefert war. Innerhalb weniger Minuten war nur noch ein Haufen Knochen zu sehen, die so aussahen, als wären sie mit schwarzem Teer beschmiert.
Und obenauf trohnte ein grinsender Totenschädel.

Kevin ärgerte sich. Er irrte jetzt schon eine ganze Weile in der Höhle herum. Als er wieder zu sich kam, musste er feststellen, dass er die gesamte Geröllhalde herruntergerutscht war. Außerdem war es unmöglich, da wieder hochzuklettern. Sein Messer hatte nur ein paar Dezimeter neben ihm gelegen. Da er sich bei dem Sturz kaum verletzt hatte, machte er sich wieder auf die Suche nach Tobias.
Kevin war versunken in Gedanken, wie er sich an Tobias rächte. Seine Phantasien machten dabei die wildesten Bocksprünge. Sogar das eine oder andere Mittelalterliche Foltergerät tauchte darin auf.
So bemerkte Kevin es nicht sofort, dass er eine Höhle betreten hatte. Erst nach einer Weile bemerkte er, wie seltsam die Höhle war. Der Boden war Merkwürdig weich, und die Stalagmiten die von der Decke ragten; sowie die Stalagtiten die aus dem Boden wuchsen, sahen sehr glatt aus, und waren noch dazu, sehr gleichmäßig verteilt. Merkwürdig war auch der warme Wind, der aus der Höhle herauswehte. Er brachte den Gestank einer Raubtierhöhle mit sich.
Kevin verzog das Gesicht. Er holte ein Feuerzeug aus seiner Tasche, und ließ es aufflammen. Denn in dieser Höhle war es noch viel dunkler, als in der, die er gerade verlassen hatte. Erst jetzt sah er, dass zwischen den Stalagtiten, Skelette feststeckten.
Nach einem genaueren Blick, stellte Kevin fest, dass längst nicht alle Skelette von Tieren stammen, denn nur zwei Meter links von ihm, war ein menschlicher Schädel zu sehen.
Und mit einem Mal, wurde Kevin auch bewusst, wo er sich befand. Im Maul eines Drachen. Er versuchte noch herauszukommen, als schon Bewegung in das Maul kam.
„Ah Fleisch!“ ertönte da die Stimme des Drachen, aus der Tiefe seines Rachens „Und es kommt so bereitwillig zu mir.“
„Nein, warte!“ schrie Kevin noch. Doch es war zu spät.
Das Maul klappte zu, und schluckte den Jungen einfach herrunter. Gesättigt ließ sich der Drache wieder zum Schlafen nieder. Kevins Ende aber, fand er erst im Magen des Drachen.
Wo er bei lebendigem Leib verdaut werden sollte.

Aleatha war nervös. Tobias hätte schon längst wieder da sein müssen. Die Sonne war gerade wieder aufgegangen. Dabei öffnete sich das Portal ins Feenreich, nur in Vollmondnächten. So langsam machte sie sich Sorgen. Schließlich gab es ja noch den Drachen, dessen Höhle er durchqueren musste.
Aleatha stieg von ihrem Reittier herrunter. Es war eine Spinne. Selbige war jedoch so groß wie ein Kutschpferd, und wurde auch als ein Solches gezüchtet. Aleatha seufzte. Sie fragte sich, wo er nur blieb.
Dabei sah sie in den Teich, der neben der Höhle lag. Ihr Anblick spiegelte sich auf der Wasseroberfläche. Sie sah recht schön aus, auch für menschliche Verhältnisse. Ihre langen, schwarzen Haare, und die bleiche Haut, machten sie sogar noch schöner, fand sie. Ihre Haut sah tatsächlich so aus, als würde sie nie an die Sonne gehen, und so war es ja auch. Das Einzige, was sie für die meisten Menschen abstoßend machte, waren ihre langen, spitzen Ohren, und ihre Augen, deren Pupillen gelb waren, mit einem schwarzen Strich in der Mitte. Sie sahen so aus, wie die Augen eines Reptils.
Sie lächelte, als sie daran dachte, dass Tobias ihr einst sagte, sie würde gerade dadurch, noch schöner sein. Dann strich sie ihr schwarzes Kleid glatt, und schulterte ein Schwert, dass kaum ein Mensch auch nur hochheben konnte. Sie wollte die Drachenhöhle gerade betreten, um sich auf die Suche nach ihrem Liebsten zu machen, als ebenjener die Höhle gerade verließ.
„Tobias!“ rief sie erfreut.
Sie rannte zum ihm, und umarmte ihn. Er ließ es willig geschehen. Erst jetzt merkte sie, wie erschöpft er war. Selbst jetzt, fand sie ihn noch gutaussehend. Und wieder lächelte sie, als sie daran dachte, dass er sie manchmal „Leah“ nannte.
Sie setzte ihren Liebsten, der bereits eingeschlafen war, neben sich, in den Sattel der Riesenspinne. Dann bemerkte sie, dass ihm etwas aus der Hand gefallen war. Aleahta staunte nicht schlecht, als sie sah, dass es der Lilienkelch war.
„Du hast es geschafft!“ flüsterte sie. Sie wollte ihn nicht aufwecken, noch nicht. Und wieder lächelte sie, als sie den Lilienkelch in eine der Satteltaschen packte, und selber aufsaß.
Dann ritten sie in die Richtung, in der das Schloß lag, in dem Aleahta wohnte.
Tiefer und tiefer in den Wald hinein.

ENDE