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Kunstprojekt Unart: Kunst und Schizophrenie – einige UNART-Beteiligungen

Kunst und Schizophrenie – einige UNART-Beteiligungen

Auszüge aus Teil I, vollständiger Text in:
Rudolf Heinz, Pathognostische Studien Bd. 3, Essen (Die blaue Eule) 1990, S. 275-286

Prof. D. Phil. Rudolf Heinz

Erzählung – Was macht man mit einem Sündenbock, den man aus humanitären Gründen – des Fortschritts der Menschheit wegen – nicht mehr in die Wüste schickt und ihn ebendort seinem Schicksal überlässt? Insofern es ein Sündenbock besonderer Sorte ist, den es rein aus sich selbst überkam, ein solcher zu sein; der es un-verantwortlich ablehnt, dieses sein überworfenes Wesen abzuwerfen; dessen ausnehmende Sturheit in krassem Widerspruch zu seiner zivilen Hilflosigkeit steht; von dem man manchmal annehmen möchte, dass er nicht nur seine Wohltäter, kämpferisch gar, doch ohne daß etwas dahinter wäre, verhöhnt – sofern also fast nichts zu machen ist mit dieser besonderen Sündenbocksorte, hat man sie längst schon an dem nach innen in die Stadt hinein gewanderten Rand der Wüste arretiert und versteckt; und, mehr noch, in diesem sicheren Versteck dafür gesorgt, den guten Sinn dieser Maßnahmen mit dem puren Unsinn ihrer Adressaten endgütlig zu rechtfertigen, und dies nicht mit Geld und guten Worten, vielmehr, der vorgegebenen Sturheit angemessen, direkt von Körper zu Körper sozusagen, mit Unsinnsabschaffungs-Instrumentarien, in denen der humanitäre Fortschritt der Menschheit wider die ordinäre Sündenbockvorzeit bekanntermaßen unter anderem gipfelt.

Freilich ganz wohl war es niemandem dabei, zumal wenn es unter den zur Heilung freigegebenen Unsinnigen hoffnungsvoll einige junge gab. Und folgerichtig blieb es nicht aus, dass sich, wie häufig vorher schon, der kleinere Unmut sodann organisierte. (...)
Hier nun der Versuch, die schwankende Mühsal des kleineren organisierten Unmuts ob des zweifelhaften Unsinns zu referieren.

Was macht man mit dieser Sündenbock-Selbstbestimmung, die man nicht mehr in die Wüste schickt, weil es ringsum keine Wüste mehr gibt, weil die Wüste, ja, sich unterdessen unterhalb der Stadt befindet, nein, weil sie in einem die Stadt selbst ist, nein, weil das alles üble Gerüchte sind? (...)
Ganz einfach, möchte man meinen: die Schuld nämlich anderswohin versetzen, für das Nomadentum des schwarzen Peter bis zu seiner beruhigten Sesshaftigkeit, ja Pensionierung sorgen. Aber wohin? (...) Also zieht man die Notbremse und behauptet die schiere Unschuld von Allem und die Schuld als Irrtum (absoluterweise) und meint, dieser ärgerliche Sturheit so endlich Beine zu machen.
Irrtum – auch das kann man im Voraus wissen -: dieser Allrausch der Schöpfung veranlasste unseren Skandalbruder nur dazu, sich tunlichst rasch selber umzubringen. Und das hätte man nun davon.
Fazit: unauflöslich der Widerspruch. Unauflöslich aber nur, so man ihn aufzulösen begehrt. Wenn man ihn nun nicht mehr auflösen wollte, löste er dann sich auf? Mitnichten; unauflöslicher Widerspruch und welchen Sinn hat diese Unsinnigkeit. Nun hätte ich beinahe ganz vergessen, dass unser organisierter Unmut, der sich redlich bemüht, immer echtzeitig der Vergeblichkeit gleich welcher Schuldverschiebung (wieder) zu entkommen, paradoxerweise auf eine Spezialität referiert, auf Bilder und dergleichen.

Wie das? Wenn man es eben erst lernt, vielleicht ein wenig Xylophon zu spielen, ist man parallel durchaus schon weiter: abbildend ein kleiner bildender Künstler. Was wundert es dann, dass die gedächtnisgarantierenden Bilder ihren (Gleichwohl)ort, das Verteiler-Dazwischen, bis zur großen, längst schon Krisis gewordenen und Krisis-überholten Neige konträrer Gedächtnislosigkeit verstopfen?
Also sind wir doch am rechten Ort, wo nichts mehr geht nichts mehr geht? Ja, in voller Übereinstimmung mit unseren missratenen Schützlingen, denen es bekanntermaßen viel weniger ans organische, als ans soziale Leder geht, sofern sie Bildkranke sozusagen sind. Immer wenn man zu bemerken meint, dass sich die alte Wüste, die Unterwelt der Stadt, in diese, oben, hinein verhüllt, so ist alles nur noch voll der Bilder, so als gäbe es nur noch diese.

Prof. D. Phil. Rudolf Heinz